Interview mit Urs S.

Urs S. nimmt uns in seinen Arbeitsalltag mit und lässt uns hinter den Schreibtisch blicken. Wie er seinenTag gestaltet, was er besonders gerne für Apostroph erledigt und was Urs S. sonst so umtreibt, könnt ihr hier nachlesen.

Mann am snowboarden

Hallo Urs! Erzähle uns ein wenig von dir. Wo bist du aufgewachsen und wie bist du Übersetzer geworden?

Ich wurde in Detroit in einer Familie geboren, die aus Lindau (ZH) stammt und wuchs in Nyon am Genfersee auf. Während meines Abstechers am Montbenon-Gymnasium in Lausanne war ich Klassenbester in Latein – aber nur in Latein! Danach verbrachte ich ein Jahr in Kalifornien, um mein Englisch in der amerikanischen Variante zu perfektionieren. Und weil ich mehr davon hören wollte, was für meine Ohren am interessantesten klang: Die verschiedenen Arten von Slang – das englische Rotwelsch sozusagen. Zurück in der Schweiz, stellte ich mein Sprachtalent in den Dienst der Justiz. 1991 machte ich in Lausanne meinen Abschluss als Jurist und erhielt 1995 in Genf das Anwaltspatent.

Meine ersten Sporen in der Welt des Rechts verdiente ich mir anfangs 1990er-Jahre als Gerichtsschreiber am Mietgericht im Kanton Waadt ab, und später als Anwalt in Genf. Dabei vertiefte ich mich im Versicherungsrecht und der beruflichen Vorsorge. Den Jahrtausendwechsel beendete ich nämlich als Jurist in der Leistungsabteilung der ehemaligen Lebensversicherungsgesellschaft Providentia (heute Mobiliar) in Nyon. Das war ein Segen für mich, diese Spezialisierung: Sie sichert mir ein regelmässiges Arbeitsvolumen von teils beträchtlichem Umfang.

Nach dieser mehrjährigen Reise durch die Welt der Gesetze und der Unternehmen, verliess ich die Schweiz im Juli 1999, zusammen mit meiner ersten Ehefrau, einer Brasilianerin aus Curitiba. Wir waren sechs Monate unterwegs und fuhren mit einem von mir umgebauten Lieferwagen bis an die Elfenbeinküste. Dann verkauften wir unser Fahrzeug (das auch unser Zuhause war) an Einheimische, die es als Transportmittel nutzten. Wir zogen weiter nach Rio de Janeiro, um ein neues Leben zu beginnen.

Mehrere Monate unterrichtete ich ohne grosse Begeisterung in Unternehmen Englisch: Ich trug den starken Wunsch in mir, in die Schweiz zurückzukehren. Dann kam eines Tages meine Frau nach Hause zurück, mit einem Inserat in der Tasche, dass eine Agentur einen Übersetzer sucht. Dort erlernte ich das Handwerk als Übersetzer, damals noch an der Copacabana und 100 Meter vom Strand entfernt. 

Nach sechs Monaten als Inhouse-Übersetzer verliess ich die Agentur, um als Freelancer zu arbeiten. Zuerst konzentrierte ich mich auf den französischen, dann auf den Schweizer Markt: So erzielte ich zuerst drei- und dann zehnfach höhere Preise. Als «digitaler Nomade» konnte ich die für mich sehr unbequeme Stadt Rio verlassen und mich im Dorf Sana in der Region Novo Friburgo niederlassen. Es ist bekannt für seinen Monolithen in Form einer Taubenbrust (den 1400 m hohen Pico Peito do Pombo), seine Wasserfälle und seine grünen Hügel, die den Freiburger Voralpen ähneln – mit einer üppigeren Vegetation, versteht sich. Viele der Einwohnerinnen und Einwohner tragen noch heute die Namen von Familien, die 1819 von Estavayer-le-Lac aus auf dem Flussweg und dann in drei Karavellen nach Brasilien reisten.

In diesem Dorf habe ich meine zweite Frau kennengelernt; sie stammt aus Rio. Zusammen haben wir 2010 vergeblich versucht, in der Schweiz sesshaft zu werden, um uns danach in Marseille (2011–2013) und in Lissabon (2013–2016) niederzulassen. Als digitaler Nomade schlug ich natürlich keine Wurzeln und bin nach Brasilien zurückgekehrt, genauer nach Búzios, das «Saint-Tropez von Brasilien». Dort verwirklichte ich einen alten Traum von mir: mindestens zehn Sekunden lang auf einem Surfbrett stehen. Das Ziel habe ich erreicht und sogar übertroffen, ohne grosse Schwierigkeiten und bei idealen Bedingungen: Ein viertelstündiger Spaziergang an den Strand, das Surfbrett unter dem Arm, wo das Wasser das ganze Jahr lang angenehm warm war, während ich mit zutraulichen Meeresschildkröten plauderte und auf die nächste Welle wartete.

Vor zwei Jahren bin ich mit meinen beiden Söhnen in die Schweiz zurückgekehrt: Im von mehreren und unaufhörlichen Krisen durchgeschüttelten Brasilien kündigten sich düstere Zeiten an. Zurzeit wohne ich in Lauenen im Berner Oberland in einer Wohnung, die meine Familie nutzt, wenn sie Skifahren geht. Davor betreibe ich «Backyard Powsurf», das heisst Snowboarden ohne Bindung, ohne Skilifte und ohne Schneeverdichtung. Es gibt nichts Besseres für mich, um mir die Beine nach einem langen Arbeitstag hinter dem Bildschirm zu vertreten – und das mit einem minimalen CO2-Fussabdruck!

Mit welchen Sprachen arbeitest du und was sind deine Fachgebiete? Was für Texte übersetzt du für Apostroph?

Hauptsächlich übersetze ich Verträge und andere juristische Dokumente, Gerichts- und Verwaltungsakten aus dem Deutschen oder Italienischen in den Westschweizer Jargon. Bei diesen Themen fühle ich mich am wohlsten.

Auf demselben Niveau übersetze ich verschiedene Arten von Texten aller Bereiche aus dem Englischen, Spanischen oder Portugiesischen ins Französische. Offen gesagt, sind aber Aufträge aus dem Englischen nicht so mein Ding, weil ich bei Recherchen immer wieder auf kanadische Seiten verwiesen werde. Dort ist der Standardisierungsgrad doch um einiges tiefer als auf admin.ch.

Die Iberischen Sprachen mag ich dagegen sehr, bevorzugt natürlich das Portugiesische. Ich trage es im Herzen, höre viel brasilianische Musik und lese die wichtigsten Autoren der portugiesischen Sprache. Das Übersetzen aus dieser Sprache ist also mehr als ein Vergnügen: Ich habe ein tiefes Verständnis für die meist recht kafkaeske Welt der Justiz in Lateinamerika. Nicht zu sprechen von Dokumenten, die von Halbanalphabeten verfasst wurden und von Fehlern nur so strotzen – dank der langen Erfahrung ist mir keine Ausdrucksweise fremd. Das sind keine lukrativen Aufträge, verbringe ich doch in der Regel viel Zeit damit, seltsame Formulierungen und schlecht gescannte Dokumente zu entziffern. Aber diese Schriften und ihre Autoren verleihen der Übersetzung eine besondere Aura, eine poetische Stimmung und manchmal sogar die berühmte Saudade, den Weltschmerz, die jeder Portugiesisch sprechende Mensch in sich trägt.

Wie lange bist du schon als Freelancer/Freelancerin für Apostroph tätig?

Genau kann ich mich nicht erinnern, wann ich meinen ersten Auftrag von Apostroph erhielt. Es war aber einer meiner ersten Auftraggeber in der Schweiz. Das müsste etwa anfangs der Nullerjahre gewesen sein.

Wie bist du als Freelancer zu Apostroph gekommen?

Als ich vom brasilianischen auf den Schweizer Markt wechselte, habe ich eine Reihe von Agenturen angeschrieben. Apostroph, die ich online fand, trug mir rasch ein ansehnliches Auftragsvolumen zu.

Was bereitet dir an der Zusammenarbeit mit Apostroph Freude?

In erster Linie die Arbeitsmethode. Es ist die praktischste, flexibelste und effizienteste Plattform auf dem Schweizer Markt. Aber was wäre eine Plattform ohne angenehme und kompetente Project Manager! Apostroph: Das sind die herzlichen Kontakte mit den Mitarbeitenden der verschiedenen Filialen und die Koordination von Luise, dank denen die eh schon seltenen Missverständnisse rasch geklärt werden und der Kontakt mit den Freelancern effizient verläuft. Ohne das wäre Apostroph nicht das, was es ist: Ein sehr gut funktionierendes Unternehmen, das seine Übersetzer respektvoll und gleichberechtigt behandelt.

Was ist das erste Wort, das dir in den Sinn kommt, wenn du an Apostroph denkst? Wieso dieses Wort?

«Luzern». Apostroph war damals, wenn ich mich nicht irre, ausschliesslich in Luzern vertreten. Ausserdem habe ich im 2004 der Luzerner Filiale zusammen mit meinem Sohn einen Besuch abgestattet.

Möchtest du uns von einem coolen/lustigen Erlebnis erzählen, das du beim Übersetzen hattest?

Dank eines guten Arbeitsvolumens, hoher Preise und vor allem eines günstigen Wechselkurses eröffnete ich 2005 in einem für einen Spottpreis gemieteten Gebäude den Minikomplex VEGETAL/DIGITAL. Es war das erste vegetarische Restaurant und das erste Internetcafé in dem oben erwähnten brasilianischen Dorf Sana – und ein Wohltätigkeitsprojekt, das mir kein Einkommen einbrachte. Dafür fühlte ich mich sehr zufrieden, den Vegetarismus zu fördern und einer Bevölkerung den Zugang zur virtuellen Welt zu erleichtern, die in vielen Fällen unterernährt und isoliert ist.

Dabei machte ich erste Erfahrungen mit Permakultur, da ich die Küche zum grossen Teil mit Produkten des ehemaligen Sitzes der Fazenda der Jandre (brasilianische Version des Namens «Gendre», einer Siedlerfamilie mit Freiburger Wurzeln) belieferte: Ich mietete, bewirtschaftete und bewohnte diesen Ort. Das heisst: 1000 m2 Gemüsegarten und ein Dutzend Obstbaumarten, darunter zwei Avocadobäume, mit denen ich jedes Jahr Dutzende Kilo Guacamole für meine Gäste zubereitete, und ein Orangenbaum, der mich vier Monate im Jahr mit morgendlichem Fruchtsaft versorgte. Dann aber begab sich der Wechselkurs auf Talfahrt; eine Verschuldung drohte: Ich beerdigte das Projekt 2007. Bis 2009 blieb ich aber auf der ehemaligen Jandre-Farm und genoss die meditative Ruhe, die kleinen eigenen Wasserfälle im nahegelegenen Dschungel und die Fülle an Obst und Gemüse während des ganzen Jahres. In der Hochsaison konnte ich mich manchmal zu zwei Dritteln selbst versorgen.

Wie sieht ein typischer Alltag bei dir als Übersetzer aus?

Ich stehe normalerweise um 8 Uhr auf. Nach Frühstück, Kaffee und Zigi fange ich gegen 9 Uhr an zu arbeiten. Seit ich Freelancer bin und während Spitzenzeiten teilweise ortsgebunden, habe ich aufgehört, zu Mittag zu essen: Ich nehme nur noch Frühstück und Abendessen ein. Diese etwas klösterliche Routine durchbreche ich nur, wenn ich auf Reisen bin oder meine Liebsten besuche. Das ist manchmal schwierig, habe ich doch die Probleme, die Freelancer nur zu gut kennen: soziale Isolation, Mühe, die grosse Komfortzone zu verlassen, bis hin zu Ticks. Zum Glück habe ich Kinder und Freunde, die mich regelmässig in meinem Schlupfwinkel im Berner Oberland besuchen und mich daran erinnern, dass ich ein alter, ungehobelter Klotz im sozialen Winterschlaf bin.

Auch ohne Mittagessen mache ich trotzdem Pausen, normalerweise zwischen Mittag und Abend und abhängig von meinem Terminplan und dem Wetter: Sonnenbäder, Yoga-Übungen, (Schnee-)Surfen, gärtnern. Wo immer ich auch hingehe, sollte es einen Gemüsegarten haben, sonst bin ich deprimiert. Zwar arbeite ich nicht gerne abends und am Wochenende, und doch kommt das oft vor. Vor allem ist dies seit meiner Rückkehr in die Schweiz so, denn die Lebenskosten sind hier viel höher. Dafür höre ich oft um 17 Uhr auf zu arbeiten, wie oben erwähnt. Im Mittel widme ich mindestens eine Stunde dem Zubereiten des Nachtessens. Die Zutaten dazu finde ich meist im Garten, wo ich einen Salat pflücke, duftende Kräuter oder Gemüse ernte.

Äusserst selten mache ich «echte Ferien», dann sogar zusammen mit meinen Söhnen. Die letzten 20 Jahre habe ich kaum mehr als eine Woche nicht hinter meinem Notebook verbracht. Wenn ich auf Reisen bin – beruflich oder mit meinen Söhnen – leiste ich mir gewöhnlich geräumige Hotelzimmer mit Büroecke. So kann ich oft am Morgen im Zimmer arbeiten, bevor ich mir dann frei nehme.

Würdest du den gleichen beruflichen Weg einschlagen, wenn du nochmals von vorn anfangen könntest?

In der Zeit zurückzureisen und nochmals von vorne anzufangen, ist nicht so mein Ding. Wie alle auf dieser Welt, hatte ich berufliche Träume, die sich nicht erfüllt haben, zum Beispiel Pilot, Strafverteidiger oder sogar DJ. Aber alles, was passiert ist, hat seinen Grund, und ich halte es wie Edit Piaf: «Je ne regrette rien». Es war ein Riesenglück, diese Art des digitalen Arbeitens zu entdecken. So konnte ich an verschiedenen Orten der Welt leben – manchmal prunkvoll, aber immer ethisch vertretbar – und alle Arten von Träumen verwirklichen. Dass die Arbeitszeiten unregelmässig sind, der Beruf manchmal öde und der Bewegungsmangel schwer zu vermeiden ist, spielt nur eine Nebenrolle. Nach mehr als 20 Jahren Berufserfahrung weiss ich, wie ich schwierige Situationen, wie spätabends oder in der Nacht arbeiten, vermeiden kann. Auch zu viele Aufträge anzunehmen, sich nicht mehr zurechtzufinden oder sich mit einem Kunden über Kleinkram zu streiten, gehört schon längst meiner Vergangenheit an. Als erfahrener Freiberufler weiss ich, wie wichtig es ist, Arbeit und Kontakte so im Griff zu haben, dass mir genug Zeit für andere Dinge im Leben bleibt. Diese Möglichkeit, dem Büro mehr oder weniger zu entfliehen, wo und wann ich will, ist das, was mir an diesem Beruf am meisten gefällt. Es ist wirklich ein Geschenk des Himmels.

Hast du ein paar Tipps für angehende Linguisten und Linguistinnen oder für die anderen Freelancer und Freelancerinnen, die für uns übersetzen?

Alle meine Tipps zu erwähnen, das würde Stunden dauern. Ich beschränke mich daher auf das Wichtigste:

Für Linguisten und Linguistinnen: Viel lesen, Radio hören und regelmässig Medien konsumieren, um betreffend Aktualität und Entwicklung der Sprache auf dem Laufenden zu sein. Flexibel an eine Übersetzung herangehen: Nicht wortwörtlich mit Tunnelblick übersetzen, sondern ein Wort immer in seinen Kontext einordnen. Das heisst, eine reichhaltige und vielfältige Terminologiedatenbank erstellen.

Für Freelancer und Freelancerinnen: Behalten Sie den Überblick über Ihre Termine, dann kommt es nicht zu Engpässen und schlaflosen Nächten. Machen Sie Pausen zur Erholung und an der frischen Luft, auch wenn sie nur kurz sind. Und natürlich sollten Sie, wenn möglich, Ihre Kosten senken und Ihren Vitamin-D-Spiegel erhöhen, indem Sie beim Arbeiten an der Sonne sitzen!

Danke, dass du uns von deinem Werdegang erzählt hast, Urs!

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Und schaue wieder mal hier vorbei, denn in den kommenden Monaten folgen weitere Interviews mit unseren Freelancern.

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